Süddeutsche Zeitung | , 06.05.2011

Kleine Frau, große Stimme

Einzig die Akustik-Gitarre irritiert ein wenig. Die Chucks, die Jeans, das Holzfällerhemd – kein Problem. Aber Claudia Koreck fällt auf, hier beim „Rage the Contest“ im Orangehouse, dem härtesten Punk-Wettbewerb Münchens. Auf und vor der Bühne wilder Pogo und Lederjacken, und dazwischen, ein wenig eingeschüchtert, die bayerische Songwriterin, die seit ihrem Hit „Fliang“ zumindest jedem Bayern-3-Hörer bekannt sein müsste. Eingeschüchtert? „Griaß eich, ich bin die Claudia, ich soll hier spielen“, spricht sie den nächsten Punk an, auf der Suche nach dem SZ-Festival „Sound of Munich now“. Natürlich, ein Verwechslung, damals im Herbst 2009, ein falscher Club, nur wenige Meter entfernt von der richtigen Adresse. Aber auch jetzt, eineinhalb Jahre später, sagt sie lapidar, dass es eine große Herausforderung gewesen wäre, ihre bayerischen Popsongs vor Punks zu singen. Sie wäre wirklich aufgetreten? „Freilich!“ Claudia Koreck kann Menschen sehr eindringlich anschauen. Weit geöffnet sind dann ihre braune Augen, fast, als befürchte sie, ein Wimpernschlag könnte ihrer Authentizität etwas anhaben. Als habe sie Angst,mankönnte an ihren Aussagen zweifeln. Wie so oft im Alltag ist die Sängerin nahezu ungeschminkt, ein bisschen Kajal und Wimperntusche, mehr nicht. Imhellblauen Kapuzen-Shirt sitzt sie in einem kleinen Schwabinger Café, der Aufdruck: „Make this earth beautiful.“ Die Musikerin hat sich nach ihren ersten beiden Platten zurückgezogen, hat einen Sohn geboren und ihren Produzenten Gunnar Graewert geheiratet. Diesen Freitag erscheint nun ihre neue CD „menschsein“ – und dementsprechend häufen sich die Interviewtermine. Teilweise im Stundentakt, ständig neue Menschen – und die Sängerin wechselt nach nur wenigen Sätzen in den Freundschaftsmodus: keine vordem Körper verschränkten Arme mehr, keine Scheu, kein Hochdeutsch, keine sorgsam abgewogenen Aussagen, kein Medienprofi – vielleicht ist sie es ja doch, gerade wegen ihrer befreienden Offenheit, ihrer entwaffnenden Naivität. Ende Mai wird die gebürtige Traunsteinerin 25 Jahre alt. Vor vier Jahren ist ihr Debüt-Album „Fliang“ erschienen. Bayern 3 hat die Sängerin gewissermaßen zum Maskottchen auserkoren und dementsprechend häufig gespielt. Doppel- Platin, Platz eins in Bayern im Ranking der meistverkauften Alben, deutschlandweit auf Platz 15 in den Musik- Charts, 170 Konzerte, die meisten davon ausverkauft. Wechsel von Blanko-Musik zu Sony, einer der großen Plattenfirmen in Deutschland. Zweite Platte, wieder in den Charts. Nach dem Anfangserfolg soll es sofort weitergehen, doch Claudia Koreck will den Mechanismen der Branche entkommen. „Heutzutage muss alles immer so schnell gehen“, sagt sie. Kaum eine Auszeit könne man sich nehmen – „aber ich brauche das, gerade um zu schreiben“. Permanent auf Tour, das sei ein ganz „eigener Groove“, nicht immer heute hier, morgen dort, „ich brauche ein ganz normales Leben“. Claudia Koreck nimmt sich die Pause – auch wenn sie von einigen Seiten bedrängt wird, die Karriere nicht aufs Spiel zu setzen. Keine Angst? Keine Zweifel? „Ich mache nicht Musik, um groß erfolgreich zu sein – das war noch nie mein Beweggrund. Ich wollte nie Musik machen, um berühmt zu werden, sondern nur der Musik wegen.“ Als Siebenjährige ist sie zum ersten Mal auf der Bühne, als Sängerin der „Showkids“, alle drei Wochen Auftritte, auch im Fernsehen. Mit zwölf hat Claudia Koreck ihren ersten Song geschrieben, mit 16 durchläuft sie die härteste Schule für alle Musiker: Sie singt in einer Coverband, fast jedes Wochenende ist sie mit der Jay Houser Band unterwegs. 2006, mittlerweile in München zu Hause, heuert sie bei einer Oktoberfest-Tanzband an, Auftritte jeden Tag im Schützenfestzelt, von elf bis elf – „nach einer Woche war ich mausekrank, habe keine Stimme mehr gehabt“, sagt sie heute. Ihrer Liebe zur Bühne hat auch das nichts anhaben können. Wenn sie vor dem Publikum stehe, fühle sie sich sofort wohl. Daheim, ein „Dahoam-G’fui“, wie es Koreck im schönsten Bairisch nennt. Die Bühne, ihr Wohnzimmer – und dort fängt sie auch sofort zu erzählen an, Anekdoten, viele private Dinge: Freundschaftsmodus, sehr offen, naiv vielleicht, aber gerade das schätzen die Fans an ihr. Zu beobachten auch Anfang dieser Woche. Ein kleines Club-Konzert in München, die engsten Fans sind eingeladen. Koreck hat eine neue Band zusammengestellt, auch ihr Mann Gunnar Graewert spielt mit – und schon ist man mit dabei beim Familienleben. Sie erzählt von der Hochzeit barfuß am Strand auf Hawaii. Von ihrerLiebe zu „Gee Gee“, G. G., Gunnar Graewert, und was sie alles angestellt hat, um einen Heiratsantrag zu bekommen. Von dessen nächtlichen Essgewohnheit, oder wie es Koreck ausdrückt: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemanden finde, der noch lieber isst als ich.“ Das alles ist sehr privat. Aber genauso persönlich sind auch die Lieder ihrer neuen Platte. Offenherzig wie ein Tagebuch, entstanden in einer Zeit, in der sich für Claudia Koreck viel verändert hat: die große Liebe, die Schwangerschaft, die Geburt, aber auch der Verlust geliebter Menschen. „Ich schreibe Lieder darüber, wie es mir gerade geht“, sagt sie. Songs, die ihr, bei Kritik, „manchmal schon zu schaffen machen, gerade weil sie so persönlich sind“, gibt sie zu. „Gleichzeitig mag ich aber auch keine Musik machen, die oberflächlich ist“, sagt sie. „Ich habe den Drang, mich hundertprozentig auszudrücken, deswegen auch der Dialekt.“ Eigentlich hat sie sich viel mehr Zeit lassenwollen für die neue Platte. Hat ohne Druck geschrieben. Einen Song nach dem anderen. Und dann der Zeitpunkt, an dem sich die Sängerin sicher ist: „Jetzt kann ich das Album machen.“ Zwölf Songs, mal überraschend wie bei der ersten Single „menschsein“, einer treibenden Disco-Beat-Nummer, oder dem englischsprachigen Duett mit dem US-amerikanischen Songwriter Donovan Frankenreiter, aufgenommen in dessen Wohnzimmer auf Hawaii. Lieder voller Liebe, gesungen von einer kleinen Frau mit großer Stimme und großem Herz. Ab und an ist das Ganze aber auch eine Spur zu radiotauglich, dahinplätschernd, Poprock eben. Und mit dem Erscheinungstag wächst auch die Erwartungshaltung – der Erfolgsdruck, von dem sich die Sängerin eigentlich lösen wollte. „Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich bin frei davon“, sagt sie. „Natürlich ist es auch für mich wichtig, dass ich Platten verkaufe“, sagt sie. „Aber wenn ich jetzt ich die Zielsetzung höre, wir machen Gold, wir verkaufen 100 000 CDs, dann kann ich damit kaum etwas anfangen.“ Offen, naiv vielleicht – aber nie verstellt. Vor einiger Zeit hat es Fernsehwerbung für ihre Musik gegeben – da komme sie sich vor wie ein Konsumprodukt, „und ich mag Musik so ungern als dieses Produkt verkommen lassen“, sagt sie, um kurz darauf anzuschließen: „Vielleicht bin ich ja nicht ganz dicht, aber ich mag das nicht.“ Der Lebensmittelpunkt ist jetzt die Familie, der Sohn Timmi. Die große Leidenschaft aber ist immer noch die Musik. Wenn sie spüren würde, dass sie keinen Spaß mehr hätte auf der Bühne, dann würde sie aufhören. Und dann müsste man auf diese kleinen schönen Momente verzichten, wie damals beim SZ-Festival „Sound of Munich now“ im Feierwerk. Junges Indie-Publikum, eher Studenten- Radio als Bayern 3, viele tragen Chucks, Jeans und Holzfällerhemden: „Griaß eich, ich bin die Claudia.“

Zurück